Autopflege 5: Kratzer

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Autopflege 5: Kratzer (Wolfmann)

Kratzer im Lack sind blöd, und niemand möchte sie haben. Also weg damit? Nicht zwingend!


Mikrokratzer und Hologramme

Mikrokratzer entstehen meist durch Wischen auf dem Lack oder durch Hand- oder Waschstraßenwäsche. Hologramme entstehen durch Polieren mit einer scharfen oder ungeeigneten Politur oder harten oder ungeeigneten Polierpads. Will ich auf Hochglanz polieren, sind Hologramme unerwünscht. Muss ich erst schleifen, sind Hologramme unvermeidbar, aber ich weiß, dass ich da eh noch mit einem zweiten Arbeitsgang rüber muss mit einer Politur-Polierpad-Kombination, die die Hologramme wieder entfernt und den Lack auf Hochglanz bringt.

Hologramme sind also nur dann Stümperei, wenn sie bei Übergabe des Fahrzeugs an den Kunden noch im Lack sind. Dann bedeutet es nämlich, dass der „Aufbereiter“ keine Ahnung hat oder faul ist und besser seinen Job wechseln sollte. Kommt leider recht häufig vor. Schaut Euch mal uni-schwarze oder dunkelblaue Fahrzeuge genau an. Bei diesen Farben zeigt sich, ob man sein Handwerk versteht oder nicht. Oder aber ob man seine Kunden verarschen will oder nicht.

Solltet Ihr selber mal ungewollt Hologramme produziert haben, so ist das kein Weltuntergang. Mit der geeigneten Vorgehensweise sind die ohne Probleme wieder weg zu bekommen (Hochglanzpolitur höchsten Glanzgrades mit Schleifanteilen, mittelhartes Polierpad, Excenter-Poliermaschine). Fragt einfach einen Aufbereiter Eures Vertrauens.

Das Foto unten zeigt Hologramme, die ich hier einmal zur Verdeutlichung in den Lack poliert habe. In so schlimmer Form findet man sie in freier Wildbahn normalerweise nicht.

Mittlere Kratzer

Das sind meist einzelne Kratzer, wo halt mal etwas über den Lack geschrapt ist, was da nicht hätte drüberschrapen sollen. Diese gehen nicht bis auf die Grundierung runter, sind aber ziemlich tief in dem Decklack drin.

Hier muss man sich nun etwas vor Augen führen: prinzipiell ist jede Politur ein Materialabtrag. Bei einer normalen Hochglanzpolitur ist dieser vernachlässigbar. Habe ich jetzt aber einen Kratzer, dessen Tiefe 50 % der Dicke des Lackes entspricht, so kann der zwar grundsätzlich herauspoliert werden, dies geschieht allerdings in der Form, dass der Lack um den Kratzer herum bis zur tiefsten Stelle des Kratzers weggeschliffen wird. Was wiederum nichts anderes bedeutet, als dass Euer Lack an dieser Stelle nur noch maximal die Hälfte seiner ursprünglichen Dicke besitzt. Nochmal ein Kratzer mit derselben Stärke an dieser Stelle, und er geht bis auf die Grundierung runter. Der Lack hat eben nur noch die Hälfte seiner Schutzwirkung. Da stellt sich mir die Frage, ob das wirklich Sinn macht. Und meine Antwort ist eindeutig „nein“. Halte ich für falsch, mache ich nicht. Und erkläre dem Kunden auch immer, warum ich dieser Meinung bin.

Dass ein Kratzer oft schlimmer aussieht, als er wirklich ist, liegt unter anderem an dem Grat, der sich an seinen Rändern befindet. Ist dieser Grat erst mal wegpoliert und haben sich eventuell bei einem Unilack ohne Decklack Farbpartikel im Kratzer abgesetzt (die später durch die Versiegelung fixiert werden), dann springt er meist lange nicht mehr so sehr ins Auge wie vorher. Darüber hinaus bin ich inzwischen zu der Einstellung gelangt, dass es am sinnvollsten ist, ein „Zweimeterauto“ zu erreichen. Ich meine damit, dass das Auto aus 2 Metern wie neu aussieht, so gut wie nur irgend möglich glänzt und man Kratzer oder Beschädigungen im Lack erst bei ganz genauem Hinsehen aus nächster Nähe entdecken kann.

Tiefe Kratzer

Damit meine ich diejenigen, die man deutlich spüren kann, wenn man mit dem Fingernagel senkrecht zur Verlaufsrichtung des Kratzers darüber streicht, und die eventuell auch bis auf die Grundierung oder dort hinein reichen. Diese lassen sich nicht mehr wegpolieren. Ende, aus, basta. Hier ist entweder SmartRepair angesagt, oder man braucht ein wenig Zeit dafür. Grat mit 2000er Schleifpapier wegschleifen, Kratzer säubern, ein Mal Lack (Farbe) auftragen, mehrfach bis zum kompletten Auffüllen Klarlack auftragen, ggf. Schleifen und Hochglanzpolieren. Versiegelung nicht vergessen. Diese Vorgehensweise erfordert alleine schon wegen der Trocknungszeit der Lackschichten sehr viel Zeit, außerdem benötigt man eine seeeehr ruhige Hand und gute Augen. Trotzdem wird es nicht immer so gut werden wie vom Profi lackiert. Ich habe schon Steinschläge repariert, die ich nicht mehr wiederfinde. Und andere, die man noch deutlich sieht. Dafür ist es billiger, wenn man es selbst macht.

Und wer meint, dass die im Fernsehen angepriesenen Zauberstifte das schon hin bekommen, was physikalisch schlichtweg unmöglich ist, der möge bitte sein Geld zum Fenster hinauswerfen. Wir leben in einem freien Land, in dem Werbefilme das Blaue vom Himmel herunterlügen und wir diesen Schwachsinn auch noch glauben dürfen. Wir müssen es aber nicht.

Was man erreichen kann, wenn Kratzer nicht zu tief sind, der Aufbereiter sich richtig rein hängt und der Lack es sich gefallen lässt (da gibt es deutliche Unterschiede), zeigt das zweite Foto mit Vorher-Nachher-Schnitt. Ich muss allerdings zugeben, dass dies eines meiner Lieblingsfotos ist, da hier einfach alles passte. Als die Fahrzeugeigentümer ihr Auto abholen wollten, fiel ihnen der Unterkiefer auf die Füße. Da stand ein Auto im Neuwagen-Look, welches vorher eine heruntergerockte Alltags-Möhre war. Das hat schon richtig Spaß gemacht.

Hologramme
Vorher, Nachher


Viele Grüße, Wolfgang