Autopflege 4: Polieren

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Autopflege 4: Polieren (Wolfmann)

Das ist nun ein sehr umfangreiches Thema, welches ich versuchen werde so übersichtlich wie möglich zu behandeln.

Zunächst einmal ist zu klären, welche Behandlung der Lack überhaupt benötigt. Ziel dabei ist es, so viel zu tun wie nötig, aber so wenig und so effizient wie möglich. Das bedeutet, dass ein drei Jahre altes Garagen-Auto mit 30.000 km Laufleistung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine andere Herangehensweise benötigt als ein 12 Jahre altes Laternenparker-Fahrzeug in der Großstadt mit einer Gesamt-Fahrleistung jenseits der 200.000 km, an dem bisher nichts gemacht wurde.

Bei dem jungen Fahrzeug muss der Lack vor dem Versiegeln eventuell nur gereinigt und von Mikrokratzern befreit werden. Dies geschieht meist in einem Arbeitsgang mit Hilfe einer Hochglanzpolitur mit nur feinen Schleifanteilen.

Bei dem älteren Fahrzeug hingegen kann es im schlimmsten Fall folgendermaßen aussehen: zunächst wird der ausgeblichene Lack mit einer aggressiven Schleifpaste und einem stark abrasiven (Material abtragenden) Pad rotierend poliert. (Siehe Bumblebee's Foto) Dann darf das Fahrzeug erst mal einige Wochen in diesem Zustand herumfahren. Warum? Weil der Lack nachkreiden kann. Das bedeutet, selbst unter einer Versiegelung könnte der Lack wieder ausbleichen, die Finish-Arbeiten wäre also komplett vergebliche Liebesmüh.

Vorsicht! Je aggressiver man arbeitet, desto mehr muss man auf die Kanten im Blech achten!! Wenn Ihr hier nicht aufpasst, schleift Ihr dort den Lack fix mal nebenbei durch, weil der Druck auf einer Kante viel höher ist, als wenn das Pad sich auf einer geraden Fläche abstützen kann.

Im günstigen Fall bleicht der Lack während dieser Wochen nur sehr wenig aus, so dass eine Behandlung mit einer Schleifpolitur und einem normal abrasiven Pad als nächster Schritt ansteht. Sieht der Lack hingegen nach den o. g. Wochen wieder fast so aus wie vorher, verlangt dies nach einer weiteren Behandlung mit der Schleifpaste, und dann gilt es zu entscheiden, ob nochmals einige Wochen gewartet werden muss, oder ob gleich der nächste Arbeitsgang mit der Schleifpolitur erfolgen kann. (Wer jetzt durcheinander kommt: bitte nicht Schleifpaste mit Schleifpolitur verwechseln!)

Nächster Schritt ist die Hochglanzpolitur, um die in jedem Fall bei den vorherigen Behandlungen entstandenen Hologramme (Schleifspuren) zu beseitigen, den Lack auf Hochglanz zu polieren und somit für die endgültige Konservierung vorzubereiten.

Nun sind aber nicht nur die Bestandsanalyse wichtig und die Auswahl der geeigneten Polituren, sondern auch die Polierpads. Brauche ich ein stark abrasives Pad, nehme ich zum Beispiel ein Wollpad. Außer Schleifpapier ist nichts aggressiver als ein Wollpad. Mir ist sehr wohl bewusst, dass diese Aussage der landauf landab verbreiteten Meinung sowie der einiger „Fachverkäufer“ entgegensteht, die die Wolle (auch) zum Hochglanzpolieren empfehlen. Das ändert aber nichts an dem Wahrheitsgehalt meiner Aussage. Ferner gibt es sehr unterschiedliche Schaumstoff-Pads, von aggressiv bis hin zu supersanft. Das richtige Zusammenspiel aus den verschiedenen Polituren und den unterschiedlichen Pads und den sich daraus ergebenden Kombinationen lehrt einen am besten die Erfahrung.

Um es noch ein wenig komplizierter zu machen, kann nun noch rotierend oder exzentrisch gearbeitet werden. Rotierend geht schneller, exzentrisch ist sanfter und ungefährlicher.

Auch bei den Polituren gibt es große Unterschiede, was Schleifgrad und Glanzgrad anbelangt. Darüber hinaus gibt es Polituren, bei denen die Schleifpartikel ihre Wirksamkeit behalten im Gegensatz zu denen, wo die Schleifpartikel sich (gewollt) abnutzen. Letztere haben einen relativ hohen Schleifgrad und gleichzeitig einen – relativ – hohen Glanzgrad. Sie bedürfen aber einer auf sie abgestimmten Vorgehensweise beim Polieren, um ihr Potential auch auszuschöpfen.

Zu guter letzt gibt es noch die Kombipräparate, die alles können (wollen). Sie können zwar alles, aber nichts vernünftig (etwas lapidar ausgedrückt). Aber auch sie haben ihre Daseinsberechtigung für diejenigen Fahrzeuge, die alle 2 bis 3 Monate damit behandelt werden. Länger hält deren Konservierungsschutz nicht an, und sie besitzen meist auch nur sehr geringe Schleifpartikelanteile, die aber für ein gut gepflegtes Auto in den meisten Fällen vollkommen ausreichen. Recht bekannt und gut ist zum Beispiel Grojet2000. Dabei ist zu beachten, dass Grojet den Lack sehr sanft schleift und reinigt, aber auch im gleichen Arbeitsgang konserviert. Ein derart behandeltes Fahrzeug anschließend nochmals zu versiegeln ist insofern widersinnig, als dass eine Versiegelung sich mit dem Lack verbinden soll, um Dauerhaftigkeit gewährleisten zu können. Wie aber soll sich eine Versiegelung mit einem konservierten Lack optimal verbinden? Eben, das weiß ich auch nicht. Hält vielleicht eine Zeit lang, aber eben nicht so lange, wie es dieselbe Versiegelung auf einem optimal vorbereiteten – nackten – Lack tun würde. Solange man allerdings rechtzeitig (!) die Versiegelung wieder auffrischt, wird’s dem Lack egal sein.

Nochmal (weil unter dem Begriff „Polieren“ alles mögliche und unmögliche verstanden wird): es gibt Polituren (zum Polieren und Reinigen des Lackes), es gibt Konservierungsmittel (z. B. Wachs, Versiegelung), und es gibt Kombiprodukte (können beides mehr oder weniger anständig). Polieren ist notwendig, um den Lack nachhaltig schick zu machen und für die Versiegelung vorzubereiten. Alles andere ist Pfusch. Wem es nur um eine kurzzeitige Farbauffrischung geht, kann sich ein Pfund Margarine kaufen und das Auto damit einschmieren. Frischt ein ausgeblichenes Rot optisch wieder auf, hält aber nicht vor, da am Lack ja überhaupt nichts verändert wurde. Also wenn, dann bitte richtig.

„Verkaufsaufbereitungen“ gibt es bei mir aus diesem Grunde nicht. Wenn ein Fahrzeug verkauft werden soll, dann weigere ich mich, den Käufer zu bescheißen. Entweder das Fahrzeug ist ordentlich aufbereitet, d. h. die Optik entspricht dem „echten“ Zustand, oder es wird halt so verkauft, wie es gerade ohne Aufbereitung ist. Kurzzeitiges Aufhübschen ohne Nachhaltigkeit (Fernseh-Tipps wie z. B. Cola auf die Reifen schmieren und ähnlichen Schwachsinn) ist in meinen Augen nichts anderes als Betrug.

Wer das jetzt alles gelesen und verstanden hat (ich hoffe, ich habe es ausreichend gut erklärt), wird die Frage nach dem Universal-Vorschlag zu einer optimalen Vorgehensweise gar nicht mehr stellen. Trotzdem will ich versuchen, einige Empfehlungen zu geben. Diese Vorschläge richten sich in erster Linie an diejenigen unter Euch, die sich eventuell zukünftig selber um die Pflege ihres Fahrzeuges kümmern möchten, bisher aber keine (ausreichende) Erfahrung sammeln konnten oder ihr Können weiter ausbauen möchten.

Wer sich also bisher nie um Lackpflege gekümmert hat, sollte nicht den Fehler machen, sich irgend ein x-beliebiges, billiges Komplettpaket im Internet zu bestellen und einfach loszulegen. Besser ist es meiner Meinung nach, jemanden zu fragen, der etwas von der Materie versteht, sonst könnte mehr Schaden als Nutzen die Folge sein. Für welche (richtige) Methode und für welche (guten) Produkte von welchem Hersteller man sich letztendlich entscheidet, ist sekundär. Viele Wege führen nach Rom, und wer behauptet, dass seine eigene Vorgehensweise und Auswahl an Produkten die einzig Wahre ist, ist in meinen Augen nicht ehrlich. Natürlich habe auch ich meine bevorzugten Mittel verschiedener Hersteller, würde aber niemals behaupten, dass alle anderen Mist sind. Führende Hersteller können es sich nicht leisten, Schrott zu produzieren. Und manchmal gibt sogar lediglich der persönliche Geschmack den letzten Ausschlag, welches der Produkte den Vorzug erhält.

Auch ist es durchaus möglich, die Arbeiten ohne Poliermaschine zu erledigen. Wenn der Lack noch recht gut aussieht zum Beispiel, oder wenn er einmal von einem Profi aufbereitet wurde und somit der Anfang gemacht ist. Oder wenn man gerne absetzig arbeiten möchte. Heute die Haube, morgen die Kotflügel, nächste Woche das Dach. Zum Beispiel. Nur ein total abgerocktes Fahrzeug wird man alleine mit Handarbeit nicht optimal hin bekommen. Da sollte dann schon die Maschine ran. Hat die ihren Job gemacht, kann die Erhaltungsarbeit wieder mit der Hand erfolgen, sofern man die dafür geeigneten Mittel nimmt.

Ich empfehle immer wieder, langsam in die Materie einzusteigen und als Anfänger nicht gleich alles machen zu wollen. Ich habe zum Beispiel meine Fahrzeuge anfangs immer aufbereiten lassen, habe Mario bei der Arbeit mehrfach sehr genau zugeschaut und nach einiger Zeit mit einem kleinen Polierteller, einem weichen Pad und einer sanften Politur angefangen mit dem Material, welches Mario mir in die Hand gab. So machte ich weder Hologramme, noch lief ich Gefahr, den Lack irgendwo durchzuschleifen. Wenn man dann einige Erfahrung gesammelt hat, kann man mal eine wirkungsvollere Schleifpolitur ausprobieren (falls notwendig), ein anderes Pad, eine höhere Umdrehungsgeschwindigkeit.

Für ungeübte Hände ist eine Excenter-Poliermaschine zu empfehlen. Diese rotiert nicht schnell, sondern „schwabbelt“ kreisförmig, wobei der Polierteller sich zusätzlich relativ langsam dreht. Diese Maschine ist für alle diejenigen zu empfehlen, denen die Handarbeit zu mühsam (geworden) ist, da sie sanft arbeitet und man mit ihr nicht so schnell Mist bauen kann. Solange es nicht um stark verwitterte Lacke und tiefe Kratzer geht, kann man mit solch einer Maschine sehr gute Ergebnisse erzielen. Auch mit einer etwas schärferen Schleifpolitur und einem härteren Pad läuft man nicht so leicht Gefahr, unliebsame Ergebnisse zu produzieren, wie das mit einer Rotationsmaschine der Fall sein kann.

Wenn es dann irgendwann mal eine Rotationsmaschine sein soll, dann achtet darauf, dass sie auch LANGSAM drehen kann. Mein Gerät fängt bei 600 U/min an, wobei ich meist im Bereich um die 800 Umdrehungen arbeite. Und zwar mit einem 125er Pad. Wenn ich die „Rundum-sorglos-komplett-Pakete“ im Internet sehe, überkommt mich oft das Grausen. Minimaldrehzahl um die 1000, und dann ein 150er oder noch „besser“ ein 180er Polierteller dabei. Klasse, damit kommt jeder Anfänger bestimmt supergut klar...

Was die veschiedenen Polituren angeht – fragt einfach jemanden, der etwas davon versteht. Obwohl ich in Mario einen sehr guten Lehrmeister hatte, habe ich trotzdem inzwischen einen Haufen Geld ausgegeben für Zeugs, was letztlich doch nur rumsteht, weil ich es nicht mehr einsetze. Man kann ja immer mal was Neues ausprobieren, aber das hält sich dann kostenmäßig in Grenzen im Vergleich dazu, sich eine fundierte Grunderfahrung komplett selbst zu erarbeiten. Da ist es deutlich kostengünstiger, auf den Rat eines Fachmannes (nicht zwingend gleichzusetzen mit „Fachverkäufer“) zu hören, der sich diese Erfahrung schon erarbeitet und für diese Erfahrung bereits einiges an Geld investiert hat.

Also:

Keinen Bock auf Selbermachen? Dann zum Aufbereiter, eine den Erfordernissen entsprechende Versiegelung in Auftrag geben und RECHTZEITIG nachversiegeln lassen (ist kostengünstiger als zu lange zu warten).

Ab und zu mal ein wenig am Auto machen wollen? Dann entweder den guten Lack mehrmals im Jahr mit einem Kombiprodukt behandeln, oder einen älteren Lack zunächst aufbereiten lassen und mit der passenden Versiegelung in den entsprechenden Zeitabständen selbst nachversiegeln.

Lernen wollen, das mal komplett alles selber machen zu können? Dann zum Aufbereiter des Vertrauens und mit ihm zusammen das Auto schick machen. Fragt ihm Löcher in den Bauch und bittet ihn um Empfehlungen und Tipps, wie Ihr am besten anfangen könnt. Sammelt Erfahrungen mit der von ihm empfohlenen Vorgehensweise, bevor Ihr davon abweichende Dinge ausprobiert. Wenn er sich nicht in die Karten schauen lassen will (was durchaus legitim ist, denn er hat viel in seine Ausbildung/Erfahrung investiert und muss irgendwie seine Brötchen verdienen), dann erkundigt Euch nach einem Kollegen, der das zulässt.

Falls Euch ein tieferer Einstieg in das Thema interessiert, gibt es im Internet eine Fülle an Informationsquellen, zum Beispiel das Fahrzeugpflegeforum, das Autopflegeforum und andere. Aber erwartet bitte keine Patentlösungen, denn die gibt es wie gesagt nicht. Die Fülle an Informationen kann sogar dazu führen, dass Ihr nachher selbst nicht mehr wisst, ob Ihr Männchen oder Weibchen seid. Deshalb meine Empfehlung, Euch zunächst an ein (1!) empfohlenes Konzept zu halten und erst später über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Bumblebee.jpg

Viele Grüße, Wolfgang